exemplarischer Street-Art-Rundgang durch die quartieri spagnoli

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Bei einem Neapelbesuch wird schnell deutlich, dass die Street-Art-Szene hier auf außergewöhnliche Weise floriert. Kaum ein anderes europäisches Stadtbild ist in vergleichbarer Manier von der Omnipräsenz dieser urbanen Kunstform geprägt. So bedarf es keiner langen Suche, um mit den Werken szenebekannter Hochkaräter wie Banksy, Clet Abraham, Francisco Bosoletti, Zilda, Alice oder BLU konfrontiert zu werden. Für eine gezielte Street-Art-Entdeckungstour in Neapel sind dabei insbesondere die quartieri spagnoli geeignet, wo sich eine Fülle von Werken auf kleinem Raum konzentriert. Während der Amtszeit des spanischen Vizekönigs Pedro Alvarez de Toledo von 1532-1553 wurde das Viertel zur Unterbringung der spanischen Soldaten zwischen der Festung Sant Elmo auf dem Stadthügel Vomero und der Stadtmauer errichtet. Dafür musste ein Teil der damaligen Stadtmauer abgerissen werden. Dort erstreckt sich seitdem die Via Toledo, welche den Ausgangs- und Endpunkt der Entdeckungstour bildet. Diese glanzvolle Einkaufsmeile stellt als städtebauliche Manifestation der konsumistischen Prinzipien einer kapitalistischen Gesellschaft einen symbolstarken Kontrast zu den verrufenen quartieri spagnoli dar, welche eine der höchsten Arbeitslosenquoten Neapels aufweisen und im öffentlichen Bild mit Kriminalität, Armut und Mafiastrukturen in Verbindung gebracht werden. Aus der Vogelperspektive betrachtet ergibt sich eine gewisse Systematik der quartieri spagnoli, sind sie doch planmäßig nach der Struktur eines engmaschigen Rasters angelegt. Befindet man sich jedoch in den gedrängten Straßen des Viertels, die nicht selten in einer Sackgasse enden, ergibt sich ein völlig konträrer Eindruck von Chaos. Die hohe Bevölkerungsdichte in Kombination mit der Begrenztheit des Wohnraumes führt dazu, dass sich das Leben hier vornehmlich auf der Straße abspielt. Der von Neapel faszinierte italienische Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini bezeichnete die Stadt als letzte „plebejische Metropole“ – eine Beschreibung, die kaum besser als im öffentlichen Leben der quartieri spagnoli widergespiegelt werden könnte. Hier konzentriert sich das neapolitanische Lebensgefühl in seiner ganzen Authentizität, wodurch das Viertel auch abseits des hiesigen Fokus auf Street-Art zur Erkundung einlädt.

Ausgehend von der Via Toledo leitet die Via Trinità degli Spagnoli in das Innere des spanischen Viertels. So führt die Entdeckungstour vorbei an der Chiesa della Santissima Trinità degli Spagnoli über die Vico Lungo Montecalvario und entlang der Vico Colonne a Cariati mit ihren charakteristischen bassi bis hin zur Via Emanuele de Deo, welche die Street-Art-Interessierten wieder aus den quartieri spagnoli herausgeleitet. Auf diesem Rundgang wird der flâneur/die flâneuse immer wieder auf ominöse schwarze Figuren stoßen, die innerhalb einer farblich von expressiven Blau- und Rottönen dominierten, enigmatischen Bildwelt agieren. Es handelt sich um die symbolträchtigen Szenerien des neapolitanischen Künstlerduos Cyop & Kaf, welches die quartieri spagnoli zwischen 2008 und 2015 mit über 200 Werken (auf der Karte durch blaue Punkte markiert) bestückt  und das Viertel somit zu einem inoffiziellen Freiluftmuseum gestaltet hat. Dieses umfassende Projekt, welches den Fokus der eingezeichneten, ca. halbstündigen Entdeckungsroute bildet, haben die Street-Artists „quore spinato“ getauft, was sich frei mit dem Neologismus „Dornenherz“ übersetzen ließe. Die Initialen dieses Projektnamens („QS“) verweisen zugleich auf den Umsetzungsort, die quartieri spagnoli also, welche aus Perspektive der Künstler das kulturelle Herz Neapels bilden, wo sich das von Pasolini beschriebene neapolitanische Lebensgefühl in seiner ganzen Intensität erfahren lässt. Die Dornen stehen dabei symbolisch für die Widerspenstigkeit des in Verruf stehenden „Problemviertels“, dessen Schönheit sich nicht jeder Person sofort erschließt. Eine Kurzdokumentation über den Entstehungsprozess des Projekts (https://vimeo.com/180863337) zeigt, wie sich die Gestaltung der quartieri spagnoli durch Cyop & Kaf immer in Auseinandersetzung und Kommunikation mit den Einwohner*innen vollzogen hat, die an den Werken mitarbeiten, sich über diese austauschen oder die Street-Artists zum Bemalen ihrer Hauswände einladen. Nach Aussage von einem der Künstler entwickelte sich das Projekt wie eine “chain reaction that catapulted me as a flipper ball from a wall to another wall, from basso to basso, garage after garage, to satisfy all those requests of the ones (many, too many for me alone) who asked me a painting” (http://www.cyopekaf.org/en/qs). Die sich abseits einer Autorisierung durch offizielle Institutionen und in reger Interaktion mit der Bevölkerung vollzogene Gestaltung der quartieri spagnoli durch Cyop und Kaf ist exemplarisch für das Potential von Street-Art, Räume der Öffentlichkeit, des sozialen Austausches und der Partizipation zu stiften. Im Sinne von Jean Baudrillards „Kool-Killer“-Aufsatz schaffen sie ein visuelles und kommunikatives Gegenangebot zu den konsumistischen, medialen und infrastrukturellen Zeichen, die zum Machtdispositiv Stadt gehören und in der angrenzenden Via Toledo ihre Veranschaulichung finden. Im Kontrast zu dem Aspekt spielerischer, farbintensiver Umgebungsgestaltung steht der unheilvoll enigmatische Charakter der Werke. Die dargestellten Figuren sind gesichtslos, ihre Körper fragmentiert oder deformiert. Selten erschließt sich auf den ersten Blick in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Häufig scheint es sich jedoch um Abhängigkeitsverhältnisse zu handeln. Ihre Interaktionen folgen Regeln, die sich dem/der Betrachter*in nicht eindeutig erschließen. Das elliptische Bildprogramm wirkt wie die Visualisierung der diffusen Machtmechanismen der „zweiten Natur". Aus philosophisch-soziologischer Perspektive handelt es sich hierbei um den überindividuellen Komplex gesellschaftlicher Mechanismen, dem das Subjekt durch seine bloße Verfasstheit in einer Gesellschaft unweigerlich ausgesetzt ist. Die Wirkstrukturen dieses komplexen Prozesses der Vergesellschaftung bleiben dabei oft undurchsichtig. Sie unterliegen nicht mehr nur der Kontrolle des Subjektes, sondern prägen es in einem Akt der Verselbständigung rückwirkend. In den Werken von Cyop & Kaf spiegelt sich dies in dem Eindruck einer sich in fehlender Handlungsautonomie erschöpfenden Gelenktheit der Figuren wider, die zur Reflexion über die gesellschaftliche Determiniertheit der eigenen Handlungs- und Denkmuster einlädt. „I can’t help saying that many people consider my works to be very frightening and so they ask me to draw more cheerful things [...]. I don’t go along with their wishes [...]. If I started to comfort them, then I would risk to be associated with the many ones who continuously try to hide the disaster under the carpet” (http://www.cyopekaf.org/en/qs), äußert einer der Künstler und verdeutlicht damit eindringlich, dass die künstlerische Gestaltung der quartieri spagnoli sich nicht als ästhetisierender Schleier über den Problemen des verrufenen Viertels funktionalisieren lassen will. Im kritischen Umgang der Werke von Cyop & Kaf mit sozialen Missständen zeigt sich die Menetekel-Funktion von Street-Art als Seismograph gesellschaftlicher Dynamiken.

Während das Projekt von Cyop & Kaf ohne offizielle Autorisierung erfolgt ist, bietet sich am Ende des Rundganges die Gelegenheit, von einem kleinen Parkplatz aus, wo sich Via Emanuele de Deo und Vico Concordia kreuzen, zwei großformatige Wandmalereien zu betrachten, die institutionell autorisiert und subventioniert worden sind (auf der Karte durch grüne Punkte markiert). Zu sehen ist einerseits die Arbeit „Iside“ des international bekannten argentinischen Street-Artist Francisco Bosoletti von 2017. Er greift Antonio Corradinis „Pudicizia“ aus der Cappella Sansevero in Neapel auf und bringt die Frauendarstellung überdimensioniert in Negativoptik auf die Häuserwand. Im Medienwechsel von Skulptur zu Malerei verliert die Keuschheitsallegorie die von Corradini meisterhaft herausgearbeitete haptische Qualität, welche jedoch zeitgemäß durch eine digitale Dimension des Werkes ersetzt wird. Mit entsprechender Kamerafunktion lässt sich Bosolettis "Iside" in die Positivoptik wandeln. Die Betrachter*innen werden implizit zum Perspektivwechsel aufgefordert, was sich assoziativ auch auf die problematische soziale Situation in den quartieri spagnoli beziehen lässt. Zusätzlich entwickelt sich ein antithetisches semantisches Spannungsfeld aus dem Aufeinandertreffen der von einem dubiosen Ruf verfolgten quartieri spagnoli mit Corradinis Keuschheitsallegorie. Auf einer Häuserwand links von Bosolettis Werk, welches also intertextuell auf die italienische Kunsttradition verweist, befindet sich eine Wandmalerei, die vielmehr in der Popkultur verankert ist. Dargestellt ist der Kultfußballer Diego Maradona, der den SCC Napoli 1990 zur italienischen Meisterschaft geführt hat und im gleichen Jahr von Mario Filardi an die Häuserwand gemalt wurde. 2017 hat Salvator Iodice das Werk restauriert. Maradona wird im neapolitanischen Fußballwahn als Gottesfigur verehrt und ist Idol für viele Heranwachsende, die den Traum vom Profisport hegen – insbesondere in den quartieri spagnoli, stellt dieses Viertel doch ein Umfeld dar, das wenig Perspektiven für sozialen Aufstieg bietet.

Der beschriebene Street-Art-Rundgang kann natürlich nur einen Ausschnitt aus der Werkvielfalt in den quartieri spagnoli bieten und ist an dieser Stelle beendet. Über die Via Emanuele de Deo kommt man auf geradlinigem Wege wieder zurück zur Via Toledo. Street-Art-Interessierte, deren Erkundungsdrang noch nicht gestillt ist, können ihren Weg durch die engen Straßen des Viertels fortsetzen, wo sich auch ohne gezielte Führung an jeder Ecke Werke der Street-Art entdecken lassen.

- Gabriel Geffert